Montag, 11. Januar 2016

Liebster Bruder,                                                                                                    11.01.2016

das neue Jahr hat angefangen und es ist ein Jahr ohne Dich ....  wie viele viele Jahre zuvor auch schon. Es ist schon fast acht Wochen her, dass Du uns verlassen hast und dahin vor gegangen bist, wo wir Dir erst später folgen werden.
Acht Wochen, die viel verändert haben, obwohl so Vieles gleich geblieben ist.
Weißt Du, es ist immer noch nicht einfach, daran zu denken, dass Du nicht mehr bei uns bist. Es tut immer noch weh und von Zeit zu Zeit überkommt es mich und uns hier und wir beweinen das Unabänderliche!
Ich hatte in den letzten Wichen viel Zeit zum Nachdenken und mir ist Vieles so viel klarer geworden von dem, das Dich von uns weg in die Ewigkeit getrieben hat!
Ich habe in der Rückschau das Gefühl, dass die Unabänderlichkeit dessen, dass Du nie die Gelegenheit haben wirst, mit Papa zu reden und Dich mit ihm auseinanderzusetzen, Dich letztendlich zerschmettert hat. Ich sehe Dich an Papas Grab stehen und weinen und ich weine mit Dir um den Verlust! Wir Beide haben viel verloren, das uns nie jemand wieder geben kann. So wie ich nicht weiß, wie es sich anfühlt, von einer Mutter wirklich und aufrichtig um meiner selbst Willen geliebt zu werden, so hast Du dieses Gefühl nie von einem Vater gekannt. Wir beide haben unter den Umständen gelitten, die uns zu dem gemacht haben, was wir sind und waren. So großartige Menschen mit gebrochener Seele. Engel mit gebrochenen Flügeln. Wir sind beide aufgestanden und haben es versucht. Nur mit einem großen Unterschied - ich kann mich auseinandersetzen, kann mich abgrenzen und kann Tacheles reden - etwas, das Du in Deinem nahen Umfeld nur schwer konntest. Du hast an vielen Stellen versucht, zu vergessen - aber mein liebster Bruder - unsere Seele vergisst nie und vergibt nur selten, wenn wir nicht gut für uns sorgen! Und für uns zu sorgen haben wir beide nicht so drauf, was!
Letztendlich ist es nicht mehr wichtig, warum Du gegangen bist. Es sind viele Gründe und an keinem kann ich etwas ändern, ich habe sie nicht verursacht!
Aber bei mir ist etwas Entscheidendes passiert, das ich Dir unbedingt erzählen muss. Unfassbar und nicht zu begreifen auf den ersten Blick und auf den zweiten Blick so logisch!
Ich habe das Gefühl, wenn ich Dir schreibe, dann schaust Du mir über die Schulter und lächelst. Viel erzählen und sagen haben wir drauf, nicht wahr - so ähnlich sind wir uns mein Lieber!
Also - was ich Dir erzählen muss...
bei mir ist etwas passiert, mit dem ich nicht gerechnet habe.
Ich hatte mich so damit abgefunden, Borderlinerin zu sein, dieses Grenzgehen hatte ich perfektioniert - und dann - ja wie sagt ich das, ohne dass es sich vollkommen merkwürdig anhört?
Ach, was soll`s..
Ich habe seit einigen Wochen, seit Deinem Tod, das Gefühl, als wäre ich aus der Käseglocke ausgetreten, die mich immer umgeben hat. Ich bin klar in meiner Umgebung, nehme mich als Teil von ihr wahr. Fühle mich - und fühle mich wohl dabei. Es ist nicht dieses verzweifelte "Mich-Spüren-Wollen", das ich immer hatte. Das Gefühl, das ich nur durch Skills auslösen konnte, das etwas mit Essen oder Schmerz zu tun hatte - oder mit Beidem.
Es ist weg - nee es ist da - das ist richtig. ICH BIN DA! Ich spüre mich in meiner Umgebung, in mir selbst, bin mir meiner selbst bewusst - und das, was ich da sehe ist nicht schlimm, wie ich immer dachte. Ich find mich ganz cool eigentlich und die Fehler, die ich entdecke wäge ich ab nach "ganz charmant und witzig" und "ändern bitte". Ich habe nicht mehr das Gefühl, völlig falsch zu sein, nicht mehr überflüssig und klein. Ich schaue mich an und entdecke Stärken und Gutes und alles was sonst zu einem Menschen gehört. Macken und Eigenheiten, die eben meine sind.
Es ist, als hätte dieses erneute Trauma des Verlustes das ausgelöst. Das erneute darauf Zurückgeworfen-sein, nur dieses Mal als Erwachsene, die erfassen kann, dass dein freiwilliger Tod keine Zurückweisung an mich ist - zumindest nicht so gemeint, wenn auch gefühlt irgendwie schon manchmal genau das! -, sondern eine Entscheidung, die Dein Leben und Dein Wollen betrifft, aus dem ich in letzter Konsequenz ausgeschlossen bin. Weil ich nur mein Leben leben kann mit gemeinsamen Anteilen mit Dir, aber nie verschmolzen. Dein Gehen hat in erster Linie etwas mit Dir zu tun, nicht mit mir. Und so war es damals auch - Dein Weggehen war sowieso nicht freiwillig, aber IHR Weggehen hatte auch nur sekundär etwas mit mir zu tun, weil die Belastung in dieser Beziehung mit noch nem Kind nicht machbar war. Es gab damals eine Entscheidung, die nicht zu meinen Gunsten, aber nie gegen mich als Person gerichtet war - so wie heute eben auch.
Natürlich kann man jetzt einwerfen, dass es natürlich trotzdem die gleichen Konsequenzen hat - nämlich verlassen zu sein und damit zurecht zu kommen.
Aber das stimmt nur teilweise.
Auf der rein lebenspraktischen Ebene ist es so. Ja ich bin allein gelassen . wieder mal und endgültig und das tut verdammt weh und ist an vielen Stellen nicht gut zu ertragen. Ich fühle mich verraten und verlassen, übrig geblieben und einsam, zutiefst einsam!
Auf der emotionalen und psychologischen Ebene ist es dennoch nicht als Zurückweisung an meine Person gemeint. Damals nicht - ich war nicht durch meine Persönlichkeit eine Bedrohung, sondern durch meine reine Anwesenheit. Eine reale und erdrückende Bedrohung offensichtlich - eine, vor der man auch als Mutter nur fliehen kann, weil man sonst - ja was? Angst hat kaputt zu gehen? Zu viel einzubüßen? Freiheit zu verlieren?
Letztendlich kann ich das nicht entscheiden, ich weiß nur, dass es zu der Zeit sicherlich nicht einfach gewesen wäre, alleinerziehend mit zwei Kindern zu sein - zumal wenn man als Mutter nicht begreift, dass das eigene Kind nicht eine Bedrohung der Person, sondern IMMER eine Bereicherung darstellt.
Was hätte sie mit uns und an uns wachsen können, wenn sie es nur gewollt hätte und ja das sage ich so, wenn sie nicht so unglaublich egozentrisch wäre.
So hat sie diesen Lern- und Erfahrungsschatz bis heute verweigert und begreift gar nichts - und in dem Maß, in dem das so ist, hat es nichts mehr mit mir als Person zu tun!
Genauso ist es mit Dir. Ich liebe Dich wirklich unendlich - schon immer und lange bevor wir uns kannten und für immer bis wir uns wieder sehen, da wo Du schon bist.
Auch Du hast in Deiner Verzweiflung und Einsamkeit und Dunkelheit eine unendlich egoistische Entscheidung getroffen. Ja das ist so und das ist zwar auch ok so - aber eben auch nicht nur.
Aber Du hast diese Entscheidung nicht gegen mich oder Ulli oder irgendwen anders getroffen. Vielleicht ein ganz kleines bisschen als Strafe für die, die so uneinsichtig in Deinem Leben herumgetrampelt ist - aber das vermag ich nicht zu behaupten. Nur vorsichtig vermuten - das ja!
Du hast eine Entscheidung FÜR Dich getroffen, die uns alle betrifft, deren unmittelbare Auslöser wir aber nicht sind und waren.
So hast Du ein Stück weit durch die neue und Re - Traumatisierung ein Stück Heilung in mir ausgelöst. Was für ein hoher Preis ist das, den ich da zahlen muss. Damit muss ich fertig werden. Ich habe mich aber auch nicht vernünftig ausgedrückt, als ich gesagt habe, dass ich ALLES dafür geben würde, mich spüren zu können und ein gesundes Verhältnis zu mir zu bekommen. DAS habe ich ganz sicher nie gemeint und darauf hätte ich auch verzichten können!
Aber so ist das nun mal!
Hat mal einer gesagt, achte, was Du Dir wünscht, es könnte Dir erfüllt werden.
Scheißspiel, glaubste!
Ich habe mir Heilung gewünscht, aber das mit dem Preis, den ich bereit bin zu zahlen???   Bin ich hier im Faust oder wo?
Ach Bruderherz.
Aber ich will mich an diesem Gedanken auch nicht so festdenken. Zumal ich ja nicht Dr. Faust bin und keinem Teufel irgendwas versprochen hätte. Wie sollte ich auch! Aber wenn man über sowas ernsthaft nachdenkt, ist die nächste Störung nicht weit und letztendlich nutzt es ja auch keinem, wenn ich Schuldgefühle wegen Dingen habe, die ich weder in der Hand hatte, noch getan, noch ausgelöst!
Besser nicht!
Aber ich glaube Du verstehst sowieso, was ich meine. Das hast Du in den letzten vier Jahren immer getan.
Ich glaube manchmal hat es Dich erschreckt und aufgescheucht, dass ich so forsch alles beim Namen nenne und nicht drum herum rede. Dass ich den Dingen ins Gesicht sehe und so lange prokel und krame und wüte, bis ich verstanden und gelöst habe oder einen Weg finde, die Dinge für mich begreifbar und akzeptierbar zu machen.
Du wolltest lieber ruhen  lassen und vergessen.
Aber das ist und war nicht mein Weg.
Und ich glaube auch, dass Dein Weg nicht der günstigste für Dich war - da kann ich nicht aus meiner Haut.
Ich glaube manchmal, dass es Dir auch schlechter gegangen ist, weil alles wieder hoch gespült worden ist, als ich mit meinen vielen Fragen und meiner stürmischen Art und meiner immer bedingungslosen Schwesterliebe in Dein Leben gepoltert bin.
Aber weißt Du, was ich oben schon gesagt habe - unsere Seele vergisst sowieso nicht. Wenn es nicht durch mich oder mit mir hochgespült wäre, dann an anderer Stelle und mit anderem Anlass. Dein Vergessenwollen war nicht das, was Du wolltest, dass es ist. Ruhe finden und Heilung. Ich glaube - und das habe ich Dir nicht nur ein Mal gesagt, dass es immer eine trügerische und tückische Ruhe war. Ich sehe dem Feind lieber ins Gesicht - mal sehen, ob die Taktik, die ich als die meine erkannt habe, auch wirklich funktioniert.
Am Schluss werden wir es wissen.
Vielleicht irre auch ich mich und vergessen und wegsperren ist die richtigere Entscheidung......
Ich kanns nicht wissen - Du weißt es und kannst es mir nicht sagen.
Warte auf mich und hol mich ab, wenn es so weit ist - und vergiss nicht, nen vernünftigen Kaffee zu kochen - wie Du siehst, werde ich auch, wenn ich in etlichen Jahren bei Dir da auftauche, noch unglaublich viel Redebedarf haben...
Ich hab Dich lieb!


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