Samstag, 20. Februar 2016

Bruderherz,                                                                                                                                   20.02.16



ich bin ratlos.....
Ich denke hin und her und komme nicht zur Ruhe.
Es ist, als ob ich erst jetzt nach und nach begreifen kann, dass es endgültig und wirklich ist. Kann ich es begreifen? Nein, so sehr ich mich an deinen letzten Anblick erinnere, Deine kalte Hand unter meiner spüre, immer noch, ich will es einfach nicht begreifen. Ich will nicht hinnehmen. Ich kann diese Endgültigkeit nicht ertragen.
Es wird nicht erträglicher mit der Zeit, nur wirklicher.
Und weißt Du was! Ich möchte mich wie ein trotziges Kind hinwerfen oder mit dem Fuß aufstampfen und brüllen „will nicht will nicht will nicht!!!!!“



Ich bin nicht bereit, das weiter mitzumachen.
Das habe ich nicht verdient, verstehst Du! Ich habe nicht verdient verlassen und vergessen zu werden, zurückgelassen und traurig und allein. Diese Erfahrung habe ich seit meiner Geburt nun ausgiebig gemacht, verstehst Du!
Ich werde nicht hinnehmen, dass sich diese Verlustangst wieder in mir festsetzt. Weißt Du, dass ich panisch werde, wenn die hier das Haus verlasse, wenn ich einen Tag nichts von Hannah gehört habe, wenn Jonathan sich nicht meldet? Menschenmengen machen mich unruhig und ich sehe überall Dinge lauern. Ich bin permanent auf Halbacht. Selbst in der Nacht im Schlaf finde ich keine Ruhe und träume, dass ich suche. Menschen, die ich liebe, die Kinder, Micha, Dich!
Nach außen bin ich völlig ruhig, wirke fast gelassen. Aber weißt Du, ich bin nicht gelassen, ich bin auf Anschlag geladen. Kurz vor dem Platzen auf der einen Seite, teilnahmslos und gleichgültig auf der anderen.
Ich will das so nicht mehr! Ich will dass es anders wird.
Nicht dauernd auf irgendwas reagieren, durchhalten, wieder und wieder aufrappeln und einen neuen Weg suchen.
Nicht etwa, weil der alte Weg nur schlecht gewesen wäre.
Nein, weil andere Menschen beschließen, dass dieser Weg an dieser oder jener Stelle beendet ist.
Ich komm mir vor wie auf Schienen und irgendwer stellt die Weichen grundsätzlich ohne mein Mitwirken und ohne mich zu fragen und ich wechsle die Richtung und muss immer wieder sehen, wie ich damit zurecht komme. Und ich kann noch nicht mal an irgendeiner Stelle sagen, Moment, halt mal an, lass uns die Richtung noch mal besprechen.
Ich schlage brav jedesmal eine neue Richtung ein, was bleibt mir anderes übrig?
Versteh das nicht falsch, ich bin nicht sauer... ich bin stinkwütend auf dieses Leben.
Natürlich gibt es auch so viel Gutes in meinem Leben.
Und bis vor fast genau drei Monaten war ein Teil dessen, dass es gut wird und besser läuft, dass wir beide uns wieder hatten....
Ich bin auch nach wie vor in erster Linie nicht sauer auf Dich.
Das, was du entschieden hast war konsequent und wenn ich ganz ehrlich bin auch nicht so sehr verwunderlich.... Dich hat dieses Leben auch nicht gefragt, ob Du das Alles so wolltest und ob das Alles gut und richtig für Dich war. Letztendlich war es wahrscheinlich die erste wirklich konsequente „nur für Dich Entscheidung“ . Ich weiß kein Wort dafür.... Ich habe das Gefühl, dass Du an dieser Stelle, in Deinem Badezimmer, so allein wie Du zu sein dachtest, zum allerersten Mal wirklich nur an Dich gedacht und nur für Dich entschieden hast.
Hätte ich gewollt, dass Du das nicht tust? Finde ich, dass Du da mehr Rücksicht hättest nehmen sollen?
Nein, das denke ich nicht! Auch wenn ich natürlich die Entscheidung nie gut heißen werde, ist es trotzdem Deine. Aus Rücksicht oder Mitleid von Dir zu verlangen, Dein Leid zu verlängern? Nein – das auf keinen Fall.
Aber Du weißt natürlich, dass ein Teil von mir aufbegehrt. Der Teil, der schreit und tobt:“ Wir hätten eine Lösung gefunden hier und gemeinsam, miteinander! Du hättest nicht einsam und traurig in Deinem kleinen Bad sterben müssen. Nicht sollen! Natürlich denke ich das. Und wie unnötig das Alles doch eigentlich war und ist.!“
Ich bin nach wie vor der Meinung, dass wie das geschafft hätten.
Hätte hätte Fahrradkette.
Aber vielleicht ist das eben der entscheidende Unterschied zwischen uns beiden, was Bruderherz!
Ich laber mir die Seele raus und diskutiere und texte alle zu, die mir zur Verfügung stehen. Du ja eher nicht so und auch wenn Du es nicht gern hörst, da bist Du wie in vielen vielen anderen Dingen unserem Vater so ähnlich! Und ihr habt, wenn man das genauer ansieht, beide die Flucht gewählt... Du nur sehr viel direkter und entschiedener... die Abkürzung sozusagen....



Weißt Du, ich verstehe Dich besser, als Du vielleicht annehmen würdest. Oder vielleicht hast Du das auch gewusst. Es wäre schön, wenn Du in dem Vertrauen gegangen wärst, dass ich Dich verstehe. Ich fühle viele Dinge wie Du und finde das Leben im Moment auch unerträglich dunkel. Dunkler, als ich das manchmal ertragen kann. Aber mein Kampf ist noch nicht zuende. Ich glaube, dass Du auch gekämpft hast und ich weiß, dass Deine Entscheidung nicht leichtfertig war. Du hast es Dir sicher nicht leicht gemacht. Das schmerzt ich eigentlich am allermeisten. Dass es für Dich so schwer war und wir alle nichts, gar nichts tun konnten. Dass Du Dich so einsam gefühlt haben musst, tut mir weh. Ich spüre Deine Verzweiflung und Einsamkeit auch, es tut mir leid und weh, dass es nichts gab, was es Dir hätte leichter machen können. Für Dich, in Deiner Wahrnehmung nichts....
Mein Weg geht weiter.
Ich werde irgendwann damit zurecht kommen, dass es so ist.
Mit den Menschen, die uns das angetan haben, die Dich und mich so zerbrochen haben, kann ich keinen Kontakt mehr ertragen.. Ich verweigere es einfach. Ich weiß, ich will einen Schuldigen – ich finde zwei, die noch leben und die nun damit leben müssen, dass ich unversöhnlich bin. Ich kann das Mitgefühl der einen, das immer einhergeht mit „aber ich will nicht Schuld sein, ich wollte nur das Beste...“ und die Trauer der anderen, die sich versucht hat an mich zu klammern und nun damit leben muss, dass sie nach 47 Jahren Mutterseinsverweigerung nun auch keine Tochter hat, nicht ertragen.
Ich möchte ihnen beiden meine Wut ins Gesicht spucken.
Es ist mir im Moment einfach egal, was mit ihnen wird..... Sollen sie dran ersticken.....
Das ist hart, aber der einzige Weg, irgendwie damit weiter zu leben.
Manchmal denke ich auch, ich hätte Dich einfach in Ruhe lassen und nicht den Kontakt mit Dir suchen sollen, vielleicht wärst Du dann mit Deiner Strategie des „besser nicht drüber reden“ besser zurecht gekommen. Zumindest habe ich Dich nicht darin bestärkt... Aber wenn ich mir Papa ansehe, dann scheint mir das auch kein Weg zu sein. Die Seele sucht sich ihr Ventil – und bei Papa ist es im Alkoholismus geendet.. Auch ne Form des Aussteigens, nicht wahr!
Nein eigentlich glaube ich, dass es ein Geschenk für uns beide war, dass wir uns wenigstens noch die kurze Zeit hatten.
Manchmal habe ich eine solche Sehnsucht danach, dass Du mich in den Arm nimmst und mir das bestätigst.. das würde mir das Alles so viel leichter machen. Zu wissen, dass ich ein bisschen Licht in Deiner Welt war, so wie Du in meiner. Du wirst dieses Licht immer bleiben und ich bin so dankbar, dass ich Dich hatte!
Ich werde also weiter gehen. Mein Weg wird in Gutes führen, der Kampf ist noch nicht zuende! Ich suche mir den Weg, das weiß ich und auch wenn ich es mir im Moment nicht vorstellen kann, wird es irgendwann wieder gut sein.
Es wird wieder heller werden.
Und die vielen Schatten auf meiner Seele werden nie weg sein, es gibt Wunden, die heilen, aber die Narben tun weh.
Ich habe letztes Jahr neue Wunden dazu bekommen, die haben leider dazu geführt, dass alte Narben wieder aufgegangen sind oder erneut enorm schmerzen. Sie sind nah beieinander die alten Wunden und die neue.
Aber mit Narben kenn ich mich aus und ich werde das schon schaffen.
Ich vertraue da drauf.
Nächste Woche fange ich wieder in der Tagesklinik an... Dinge, die dabei waren zu heilen, müssen neu geflickt werden...
Du meine Güte...
Nimmt das wohl mal ein Ende?
Ich hoffe immer noch..
Wie immer...
Immer weiter und immer wieder....
Spreche mir Mut zu...
Raffe mich auf...
Halte aus und halte durch!
Aufgeben war noch nie eine meiner Stärken!



Ich hab Dich lieb mein Großer!
Genau so wie immer - mein Leben lang – die letzten Jahre – für immer!


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