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Lieber geliebter Bruder,                                                                                                         27.05.2016



die Zeit vergeht und sie vergeht ohne Dich!
Die Tagesklinik liegt hinter mir und ich kann wieder ein bisschen geradeaus gucken.
Es war eine gute und intensive Zeit und ich habe viel verstanden und mitgenommen.



Und es bleibt ein großes Loch, eine Leere, wann immer ich an Dich denke.....
Es ist nicht einfach und wird es wohl nie sein....
Ich weine viel, weil es angemessen ist, weil den eigenen Bruder nach so kurzer gemeinsamer Zeit auf diese Art und Weise zu verlieren eine verdammt traurige Angelegenheit ist, das kann ich Dir sagen. Es ist nicht mehr so dunkel in mir, das Licht findet wieder einen Platz in mir, aber die Tränen wollen nicht aufhören.
Tränen über den Verlust, die Trennung, die Sprachlosigkeit, die Unfassbarkeit und das unermessliche Leid, das Dein Gehen in mir ausgelöst hat.
Manchmal bin ich untröstlich, unfassbar wütend, hilflos und fühle mich klein und allein gelassen. Leider ist das eine Erfahrung, die ich in meinem Leben nicht zum ersten Mal mache und ich hätte mir so gewünscht, dass nicht ausgerechnet Du es bist, der mich nun allein lässt. So ist das nun mal, nicht wahr!
Aber ich komme zurecht, weißt Du! Ja – das weißt Du und Du hast es immer gewusst. Du hast mal zu mir gesagt, ich sei so unendlich viel stärker als Du. Das glaube ich nicht, nur vielleicht mutiger dem Leben gegenüber.
Aber auch nicht immer...
Es wird lange noch dauern, bis dieses Leben sich wieder halbwegs normal anfühlt.
Es wird auch noch lange dauern, bis ich wieder vertrauen kann in das Glück, das es mir erhalten bleibt. Im Moment bin ich unendlich misstrauisch und traue mich manchmal gar nicht, wirklich glücklich zu sein, aus Angst, dass das schnell wieder vorbei sein könnte, dass ich wieder die nächste Katastrophe erlebe. Aber mit der Zeit mag auch das wiederkommen.
Wie glücklich war ich, als Du mir geantwortet hast, über jedes vorsichtige Herantasten, jedes Gespräch. Über die Nähe die trotz allem da war, die Vertrautheit. Die Ähnlichkeiten zwischen uns und zwischen Dir und Papa und Jonathan. Dich ansehen zu dürfen, in den Arm zu nehmen, Deine Nähe auch über die Distanz – denn Du warst ja da! Die Freude mit Dir zusammen sein zu dürfen nach all den Jahren..... .
Wie abrupt und grausam das auf einmal zu ende war. Kein letztes Wort, kein Abschied – einfach weg warst und bist Du nun. Und nicht so wie vorher mit der Hoffnung darauf, Dich irgendwann finden zu können – zumindest nicht mehr in diesem irdischen Leben – sondern endgültig und unwiderruflich weg. Du bist so fern wie noch nie in meinem Leben – es hilft nur manchmal mir zu sagen, dass Du in meinem Herzen weiterlebst, weil mir das nicht reicht! - so unerreichbar, so still, so schweigsam.
Und all das macht es mir manchmal schwer zu glauben, dass es irgendetwas in meinem Leben gibt, das gut ausgeht.... .
Und doch mache ich weiter, weil die Hoffnung eben doch zuletzt stirbt. Du hast ein Stück von mir mitgenommen aus diesem Leben, das ich nie wieder bekommen werde. Ein Stück von mir, das wir waren, das im Ich und Du gelebt hat, ist mit Dir gestorben. Diese Lücke in mir ist nicht wieder füllbar, die Wunde wird heilen, aber die Narbe wird ein Leben lang bleiben, bis ich irgendwann auch von dieser Welt gehe. Aber es gibt auch die anderen Teile in mir, die leben, die mit meinen Kindern und Micha, mit Margarete und Heike, mit Ulli, die mir eine Schwester ist und mit allen anderen, die mir in Liebe verbunden sind, fest verwurzelt sind im Hier und Jetzt. Da wo ich hingehöre, wo ich meinen Platz habe und wo ich glücklich sein will. Und werde, Jochen. Das ist mein Versprechen an Dich!
Einer von uns muss dieses Script neu schreiben, muss das durchbrechen, was Dich und andere um uns herum kaputt gemacht hat. Einer von uns muss anfangen, die Dinge zu ändern und dem Ganzen einen Sinn zu geben. Und ich bin trotzig genug genau das tun zu wollen! Ich will, dass es gut wird und es wird gut! Mit allem, das das Leben mir mitgegeben hat, trotz allem, das schwierig und schmerzhaft ist und sein wird! Ich will, dass es ein gutes Ende nimmt – das ist mein Vermächtnis für Dich!
Ich werde dieses Leben leben, den Weg gehen und ich werde ihn bestimmen.
Jetzt muss ich noch ein bisschen Kraft bekommen, ein bisschen auftanken und brauche noch Zeit zum Weinen, Schreiben und Ruhen. Zeit für mich, um herauszufinden, was das ist, das Gute, das es nun zu erreichen gilt.
Ich werde es tun.
Versprochen!
Ich hab Dich lieb, egal wie wütend und enttäuscht ich manchmal bin! Du bist und bleibst mein wunderbarer, bester und liebenswerter Bruder – auch wenn und gerade weil Du nicht daran glauben konntest.
Du wirst noch eine Weile auf mich warten müssen, mein Schatz!
Das zumindest ist jetzt so klar wie noch nie!



Mein wunderbarer Bruder,
es kann sein, dass ich nun keine Briefe mehr an Dich schreiben werde – aber das weiß ich noch nicht! Im Moment fühlt es sich so an, dass ich Dich in meinem Herzen trage und mich dem Leben zuwende. Ich führe Zwiegespräch mit Dir, wann immer ich an Dich denke, aber ich denke, ich habe Dir alles geschrieben, was ich Dir sagen wollte.
Ich bin mir sicher, dass Du irgendwo bist und über mich wachst und ich wünsche mir, dass Du mir zulächelst und ich höre Dich „Du schaffst das Kleene“ sagen!
Und ich lächle zurück und antworte: „Klar, was sonst!“



Ich werde Dich immer lieben!



Deine Kleene

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