Sonntag, 28. Februar 2016

Liebster Bruder!                                                                                                                           28.02.16



Heute ist so ein Tag, weißt Du!
So ein Tag, an dem ich denke, ich müsste Dich mal wieder anrufen, mit Dir reden, Deine Stimme hören. Ein Tag, an dem ich es gut gebrauchen könnte, Dein „ach Kleene, das wird schon, wir haben ja uns!“ zu hören.
Aber ich höre Deine Stimme nur noch in meinem Kopf, kann mit Dir reden, ohne eine Antwort zu erwarten, schreibe Dir in dem Wissen, dass es mich vielleicht ein wenig entlastet, aber Du mir nicht mehr zurückschreiben wirst...
Es tut weh! Mehr, als ich aushalten möchte.
Ich will nicht, verstehst Du! Ich will, dass es wieder so ist, wie vorher.
Heute kann ich auch nicht denken, dass ich Dich verstehe, dass ich weiß, dass Du erlöst bist von Deiner Trauer und Verzweiflung.
Da, wo Deine Trauer aufhört, Deine Verzweiflung getröstet ist, Deine Einsamkeit ein Ende hat, fängt meine an.
Fast fünf Jahre hat mich genau der Gedanke getröstet, dass wir uns ja nun haben, dass wir nichts ändern können, was war, aber dass wir es nun besser machen können, was kommt.
Verdammt noch mal, Du hast es mir versprochen, dass wir uns nun haben, dass wir das schaffen zusammen. Ich habe Dir vertraut, habe Hoffnung gehabt, dass wenigstens ein wenig Ruhe und Heilung möglich wird,.
Ich wollte gar nicht viel, weißt Du, einfach ein bisschen Frieden und Ruhe und Zukunft.
Das will ich immer noch, will nach vorne sehen.
Die Vorzeichen haben sich geändert.
Scheiße! Schöner kann ich es nicht ausdrücken.
Weißt Du, ich will davon ausgehen, dass Du das natürlich so nicht gewollt hast, aber bitte, was hast Du denn gedacht? Dass es uns ohne Dich besser geht? Dass wir vor Enttäuschung darüber, dass Du Sachen nicht geschafft hast, uns von Dir abwenden, Dich damit allein lassen? Dass wir Dich wegen so einem Blödsinn nicht mehr lieben könnten?
Dass wir froh sind, uns mit Deinen Sorgen nicht abgeben zu müssen?
Natürlich hast Du nicht darüber nachgedacht, dass das, was jetzt kommt viel schlimmer ist, als das was wir hätten mit Dir bewältigen müssen und WOLLEN.
Das jetzt will ich nicht! Alles andere ist doch Kleinkram gegen das, was wir jetzt hier durchstehen müssen. Was ich aushalten soll.
Aber wahrscheinlich geht es in so einer Situation gar nicht um die anderen. Es geht um Dich, nicht wahr. Dass Du es nicht aushalten konntest ein Scheitern einzugestehen. Weil Du vor uns allen verbergen wolltest, was bei Dir los ist, wie schlecht es Dir eigentlich geht. Weil Du lieber, der Papabär sein wolltest, der für alle da ist, der für alle managt, der allen hilft, immer ein Lächeln im Gesicht, immer eine helfende Hand, immer ein offenes Ohr, alles – nur nicht bei Dir selbst sein, von Dir selbst ablenken. Eigene Probleme in die Ablage, weggelegt, ausgeblendet, verdrängt, bis sie so groß sind, dass sie Dir über den Kopf gewachsen sind – zumindest gefühlt...
Nee, sag nichts...
Ich kenn Dich besser als Dir lieb ist!
Woher?
Weil ich mich selbst kenne.
Weil ich genau so bin.
Weil ich auch immer wieder große Mühe habe, Zugang zu mir zu finden.
Weil es vermeintlich einfacher ist, als sich mit sich selbst auseinander zu setzen.
Das Kümmern.
Weil man dafür Wertschätzung erfährt, Liebe, Beifall, Anerkennung.
Weil es so gut tut und einem das Gefühl gibt, trotz Allem etwas Wert zu sein.
Weil wir gelernt haben, dass geliebt zu werden seinen Preis hat und weil wir so dringend auf die Liebe anderer angewiesen sind. Weil wir uns selbst so wenig nahe sind, so wenig lieben können, so wenig glauben können, dass wir auch mit unseren Unzulänglichkeiten liebenswert sind, genug sind. Dass unsere Probleme und Fehler, unsere Schwäche nicht automatisch bedeutet, dass Liebe aufhört!
Wie leicht es mir fällt, das Dir zu sagen, was mir selbst so schwer fällt – Vertrauen haben ist der Schlüssel. Vertrauen in uns selbst und in den anderen.
Wie oft habe ich das zu Dir gesagt.
Du hattest nicht das Vertrauen, nicht die Zuversicht.
Ich gerade auch oft nicht.
Es ist so – Du hast mir ein wenig meines Vertrauens und meiner Zuversicht geraubt mit Deiner Entscheidung, zu gehen.
Es hat mich wieder zurück katapultiert in das Gefühl, nicht genug zu sein, nicht wert genug zu sein, dass Menschen, die ich liebe, die zu mir gehören, mich nicht verlassen. Dass ich genug bin, um mich zu lieben.
Es tut so unendlich weh, dass Du nicht mehr da bist. Dass Du mich verlassen hast. Wissentlich, absichtlich, vorsätzlich. Dieses Mal haben sie Dich nicht mir weggenommen – DU hast Dich mir weggenommen!
Es ist schwer, dass zu akzeptieren. Schwer, mir klar zu machen, dass es eine Entscheidung für Dich war und nicht gegen mich. Weil ich nun mal jetzt hier bin und mit dieser Entscheidung leben muss.Auch wenn Du es FÜR Dich entschieden hast, hat es ja etwas mit mir zu tun – und ich kann mir hunderttausend Mal sagen, dass Du das nicht getan hast, um mich und uns zu verlassen, sondern um, Dich verlassen zu können, alles das, was Du mit Dir nicht aushalten konntest. Aber ich bin nun mal Teil auch Deines Lebens gewesen so wie Du Teil meines warst und immer bleiben wirst. Und es fällt mir schwer, Deine Entscheidung nicht auf mich zu beziehen. Nicht persönlich zu nehmen.
Sie ist persönlich.
Ist so.
Ich würde so gern mit Dir reden können.
Von Dir hören, dass Du mich lieb hast, dass es Dir gut geht.
Ach Kleene hören... was würde ich dafür geben.
Ach Kleene ist tröstlich.
Ach Kleene bedeutet, ich bin Dein großer Bruder und ich bin da!
Bedeutet ich hab Dich lieb. Bedeutet Du bist meine kleine Schwester und ich bin gern Dein großer Bruder.
Bedeutet Verbundenheit und Vertrauen und Nähe!
Das fehlt mir so! Mehr, als ich Worte dafür finden kann.
Ich kann mich an der Erinnerung fest halten, dass es das alles bedeutet hat. Dass es das immer bedeutet hat und dass es gut war, dass wir uns wenigstens die Zeit hatten.
Aber eine Erinnerung zu haben bedeutet auch, dass es vorbei ist.
Ich werde lernen müssen, zu akzeptieren. Die Erinnerung zu meiner Seelennahrung zu machen. Das Gute festzuhalten und die Trauer nun zu leben und dann loszulassen.
Das muss ich tun, damit ich wieder in ein Leben starten kann, das Perspektiven hat. Neue und gute Perspektiven.
Ich muss lernen, damit zu leben und nicht nur zurück zu schauen, nicht immer zu denken, was hätte sein können, sondern an das zu denken, was kommen kann.
Und nicht immer auf die nächste Katastrophe zu warten – das fällt mir am allerschwersten gerade. Positiv denken ist gerade schwierig – ich muss es wie ein Mantra immer wieder wiederholen – ja es wird trotz Allem noch gut werden. Es kann Neues anfangen und ich werde lernen, damit zu leben, es zu akzeptieren und werde auch wieder froh sein können.
Dein Tod ist nicht das einzige, was ich gerade lerne zu akzeptieren, aber ohne wären die anderen Dinge ein bisschen leichter gewesen. Die vielen anderen Dinge, die ich annehmen soll wären mit „ach Kleene“ leichter zu ertragen.
Ich werde das schaffen.
Ich gehe seit Montag wieder in die Tagesklinik und so anstrengend das auch sein mag – ich denke ich werde dort den Raum haben, zu lernen. In meinem Tempo.
Ach Bruderherz.
Warum ist manchmal Alles so schwierig?
Ich habe Dich so unendlich lieb!
Es tut weh!


Ich bin so unendlich traurig und allein manchmal!


Allein in mir drin.....
Wie früher.
Ich hatte ich gerade daran gewöhnt, dass es Dich wirklich gibt....
Jetzt muss ich mich wieder daran gewöhnen, dass Du nicht mehr da bist.
Und das fällt mir so viel schwerer jetzt, wo ich Dich hatte.
Du warst immer so ein wunderbarer Bruder!
Hat man eigentlich irgendwann keine Tränen mehr?
Oder hört dann die Hoffnung endgültig auf?
Ich weiß es nicht......

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